Im bunten, lauten und glamourösen Formel-1-Zirkus wirkte Ross Brawn stets
ein wenig unscheinbar. Seine Hobbys, so wird kolportiert, seien
Fliegenfischen, Rosenzüchten und Wandern. Wie bieder! Wie spießig! In so
einer Welt wie der Formel 1, wo der Champagner in Strömen fließt,
langbeinige Models umherstöckeln und sich alles um Superlative dreht:
Wer hat mehr Geld, wer mehr Tempo unter der Motorhaube, wer die
schönsten Frauen in der Box? Und da ist also einer jetzt Teamchef, der
Rosen züchtet, mit Gummistiefeln im Wasser watet und die Wanderstiefel
schnürt, um sich an der Natur zu erfreuen. Der PS-Sport ist wirklich
ziemlich verrückt.
Seine Boliden dominieren
Es zog Ross Brawn ja eigentlich nie ins Rampenlicht. Er war der Mann
hinter Michael Schumacher, der – nebenbei bemerkt – zur
Schickimicki-Gesellschaft der Formel 1 auch ein relativ distanziertes
Verhältnis aufgebaut hat. Womöglich haben sie deshalb so gut harmoniert.
Nun ist Ross Brawn nicht mehr bloß der Mann für die technischen Fragen,
nein, ihm gehört ein ganzes Team. Und er lehrt die Konkurrenz das
Fürchten, weil seine Boliden die Testfahrten dominieren.
Es war ein harter Schlag, den die internationale Finanz- und
Wirtschaftskrise der Formel 1 versetzte: Honda wollte aussteigen.
Das teure Engagement in der Formel 1 war bei
den Japanern ein Streichkandidat. Honda stürzte mit der Ankündigung im
Dezember 2008 den ganzen PS-Zirkus in die Sinnkrise: Eilig wurden
Sparmaßnahmen verabschiedet, um zu verhindern, dass noch weitere
Autokonzerne angesichts des Millionenaufwands künftig abwinken. Honda
bot das Team zum Verkauf, Formel-1-Impressario Bernie Ecclestone wurde
immer nervöser.